Wenn ich in Brasilien sage, in welcher Kirche ich Pfarrer bin, sage ich immer „igreja luterana“– also lutherisch. Und dass mit gutem Grund: Denn unter evangelisch versteht man hier etwas anderes; Nämlich die Pfingstkirchen, die vor allem an der Peripherie der Städte großen Zulauf finden.
Von diesen Cultos evangelicos, also Evangelischen Gottesdiensten, hatte ich schon oft gehört – manchmal auch die Gottesdienste selbst gehört, denn die dringen oft lautstark nach draußen bzw. in angrenzende Wohnhäuser. Am Sonntag war es aber nun soweit, dass ich einen solchen Gottesdienst live miterleben konnte.
Tays und Familie luden uns nämlich ein mit in ihren Gottesdienst der „ Igreja Missionaria“ zu gehen. Und wir wollten dass auch auf keinen Fall verpassen, den Tays sollte in diesem Gottesdienst ja auch singen. Tays bereitete sich darauf schon gründlich vor: Sie zog ein sehr schönes Rotes Kleid an und machte sich eine ebenso schöne Frisur. Dann übte sie noch ihr Lied ein, von dem sie eine Aufnahme auf CD hatte und verschwand dann in Richtung Kirche.
Wir anderen machten uns kurz vor dem Gottesdienst erwartungsvoll auf den (kurzen) Weg. (Auf diesem kurzen Weg kamen wir übrigens noch an einer anderen „evangelischen“ Kirche vorbei, so viel zur Kirchendichte.)
Als wir bei der Kirche ankamen stand schon vor dem Eingang eine Frau, die uns freundlich anlächelte.
Drin fiel mir dann zunächst auf, dass Männer und Frauen getrennt saßen. Ich wollte mich brav auf die Männerseite setzten, doch Tiana (Mutter von Tays) rief mich dann doch auf die Frauenseite, denn ich sollte ja für meine Mutter übersetzen. In diesem Fall und als Gast war mir das gestattet.
Als wir saßen, kam dann gleich der Pastor auf uns zu. Er war mit Anzug und Krawatte gekleidet, die Haare mit Gel frisiert. Er reichte uns mit einem breiten Lächeln die Hand, wie anschließend auch anderen, die neu eingetroffen waren.
Kurz drauf ging es los eine Band begann recht flotte rhythmische Musik zu spielen, der Pastor zeigte seine Showmasterqualitäten bis alle standen klatschten und einige Lobpreis-Lieder sangen, deren Texte mit Beamer an die Wand projiziert wurden. Dann forderte der Pastor auf noch mal alle neben, vor und hinter sich zu begrüßen. Es gab ein Gebet durch einen Diakon und eine Art Programm-ankündigung durch den Pfarrer. Verschiedene Gesangsauftritte wurden angesagt und auch ein Liturgischer Tanz. So standen dann bald auch Sängerinnen vorne. Später kamen vier Damen in einer Art liturgischen Gewand nach vorne und machten einen liturgischen Tanz. Dann kam auch Tays an die Reihe, zusammen mit einem anderen kleinen Mädchen sang sie ihr Lied.
Alles ganz nett dachte ich – immerhin riss die Stimmung die Menschen mit. Wobei es für mich eine Aneinanderreihung von Musik. Liedern, Tanz und Texten war, einen roten liturgischen Faden konnte ich nicht erkennen.
Aber ich war schon auf die Predigt gespannt. Und die entsprach dann – im negativen Sinn – ganz meinen Erwartungen. Der Pastor sprach erst davon, was für schöne Landschaften, aber auch Gebäude es bisweilen auf unserer Erde gäbe. Dann projizierte einen Bibeltext aus Johannes 14 an die Wand, in dem Jesus sagt: Ich gehe hin euch die Stätte zu bereiten. Und dann sprach er davon, wie wunderbar es erst an diesem Ort „jenseits der Sterne“ sein musste. Er sprach dann einzelne an: „Wenn du hier eine Krankheit hast, dort gibt es keine Krankheiten!“ „Wenn du hier jemand verloren hast, dort wirst du alle wieder finden.“… Es war also im Endeffekt reine Jenseitsvertröstung. Auf mich wirkte der Pastor immer mehr wie ein Showmaster oder Autoverkäufer.
Am Schluss wurde ich zu meiner Überraschung noch aufgefordert ein Gebet zu sprechen (der Pastor hatte mitbekommen, dass ich auch Pastor bin.)
Naja im Großen und Ganzen fühle ich mich dann doch in unseren lutherischen Gottesdiensten wohler. An der mitreisenden Musik kann man da ja noch arbeiten…
Stefan Pickart
Schön mal wieder etwas im Blogger zu lesen! Mensch Tays und Ricardi sind ja richtig gross geworden! Saudades de vc Stefan!Ich muss dich unbedingt mal besucehn kommen wenn ich in Deutschland bin!! Un beijo!!!
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