30.07.2011

Festa Julina

Normalerweise bin ich ja im August hier. Dann findet ja immer das Festa da Cultura statt, also das Fest der Kulturen, bei dem immer der Reichtum der kulturellen Einflüsse und der Vermischung in Brasilien gefeiert werden und bei dem die Kinder des Casa Legal zeigen können, was sie in ihren Workshops lernen und machen.

Das Fest der Kulturen entstand nach der Einweihung des großen Casa Legal 2003 im August. Da es im August gefeiert wird, hat wohl auch damit zu tun, dass da meistens Besuch aus Deutschland da ist.

Doch auch diesmal durfte ich ein Casa Legal-Fest miterleben. Ein Festa Julina. (eigentlich Junina - aber da dieses erst im Juli gefeiert wurde wurde Julina daraus) Diese Feste gibt es hier ganz traditionell, vor allem für Kinder. Der Ursprung waren Sonnenwendfeiern (aus Portugal eingeführt), die dann auch zu Festen der Juni-Heiligen (St. Johannes, Antonius und Petrus) wurden. In Brasilien wurde auch eine Art Erntedankfest auf dem Land daraus.

Heute ist es ein Fest bei dem sich die Kinder verkleiden wie die Landbevölkerung, ode zumindest wie man die sich Klischeehaft vorstellt: Die Jungs meist mit Strohut, karierten Hemd, oft noch Halstuch. Die Mädchen meist mit bunten Kleidchen, Kniestrümpfen, Zöpfchen und Schleifen im Haar. In die Gesichter werden Sommersprossen geschminkt.

Ich fuhr mit der Familie von Tays und Richard zum Fest (die wohnen ja inzwischen nicht mehr in Nova Esperanca) Zunächst fuhren wir zu Oma von Tays und Richard - nebenan wohnt auch eine Tante. Diese und Ihre Schwester waren gerade dabei ihre kleinen Töchter für das Fest herzurichten. Die wirkten wie zwei kleine Püppchen in ihrem Kleidchen und mit dem Schleifchen im Haar.

Dann ging es los zum Fest. Dort erwartete uns erstmal recht laute Musica Caipira (sozusagen Volks oder Countrymusik) Die Lautstärke fand ich schade, denn ich traf dort viele alte Bekannte - under anderem Deborah (die als Aupair in Deutschland war) und Cipo (der Ehemann der Ex-Freiwilligen Maren) Aber eine Verständigung war kaum möglich.

Auf der linken Seite gabe es viele Stände. An den ersten gab es Kuchen und eine Süßspeise aus Mais. An den anderen gab es Brincaderas - kleine Geschicklichkeitsspiele. Gegen einen Bon für 50 Cent konnte man dort spielen und kleine Preise gewinnen.

Dort entdeckte ich dann bald auch Letícia, die mit Vilmar zum Fest gekommen war und natürlich alle Spiele testen musste.

Kurz darauf begann der Höhepunkt des Festes:

Die einzelnen Kindergartengruppen führten jeweils einen Kreis-Tanz auf.
Zum Schluss kammen die Kids und Jugendlichen des Casa Legal und tanzten eine Quadrillha. En Tanz der ursprünglich aus Frankreich und England kam (Quadrille). In Brasilien wurde er zum festen Bestandteil der Festas Juninas. Dabei stehen sich die gleiche Anzahl von Mächen und Jungs gegenüber oder im Kreis. Ein Ansager oder Ansagerin sagt dann verschiedene Figuren an, die dann getanzt werden... Falls den Odelzhausenern das bekannt vorkomm: Die Jugendlichen aus Brasilien haben das 2007 beim Brasilfest mit uns gemacht.

So viel zum Festa Julina. Weitere Eindrücke gibt es über die Diashow oben bzw. bei einem Klick auf den Titel. Demnächst möchte ich dan noch etwas zur Zukunft des Casa Legal schreiben.
Liebe Grüße
Stefan

25.07.2011

Ein „evangelischer“ Gottesdienst

Wenn ich in Brasilien sage, in welcher Kirche ich Pfarrer bin, sage ich immer „igreja luterana“– also lutherisch. Und dass mit gutem Grund: Denn unter evangelisch versteht man hier etwas anderes; Nämlich die Pfingstkirchen, die vor allem an der Peripherie der Städte großen Zulauf finden.

Von diesen Cultos evangelicos, also Evangelischen Gottesdiensten, hatte ich schon oft gehört – manchmal auch die Gottesdienste selbst gehört, denn die dringen oft lautstark nach draußen bzw. in angrenzende Wohnhäuser. Am Sonntag war es aber nun soweit, dass ich einen solchen Gottesdienst live miterleben konnte.

Tays und Familie luden uns nämlich ein mit in ihren Gottesdienst der „ Igreja Missionaria“ zu gehen. Und wir wollten dass auch auf keinen Fall verpassen, den Tays sollte in diesem Gottesdienst ja auch singen. Tays bereitete sich darauf schon gründlich vor: Sie zog ein sehr schönes Rotes Kleid an und machte sich eine ebenso schöne Frisur. Dann übte sie noch ihr Lied ein, von dem sie eine Aufnahme auf CD hatte und verschwand dann in Richtung Kirche.

Wir anderen machten uns kurz vor dem Gottesdienst erwartungsvoll auf den (kurzen) Weg. (Auf diesem kurzen Weg kamen wir übrigens noch an einer anderen „evangelischen“ Kirche vorbei, so viel zur Kirchendichte.)

Als wir bei der Kirche ankamen stand schon vor dem Eingang eine Frau, die uns freundlich anlächelte.

Drin fiel mir dann zunächst auf, dass Männer und Frauen getrennt saßen. Ich wollte mich brav auf die Männerseite setzten, doch Tiana (Mutter von Tays) rief mich dann doch auf die Frauenseite, denn ich sollte ja für meine Mutter übersetzen. In diesem Fall und als Gast war mir das gestattet.

Als wir saßen, kam dann gleich der Pastor auf uns zu. Er war mit Anzug und Krawatte gekleidet, die Haare mit Gel frisiert. Er reichte uns mit einem breiten Lächeln die Hand, wie anschließend auch anderen, die neu eingetroffen waren.

Kurz drauf ging es los eine Band begann recht flotte rhythmische Musik zu spielen, der Pastor zeigte seine Showmasterqualitäten bis alle standen klatschten und einige Lobpreis-Lieder sangen, deren Texte mit Beamer an die Wand projiziert wurden. Dann forderte der Pastor auf noch mal alle neben, vor und hinter sich zu begrüßen. Es gab ein Gebet durch einen Diakon und eine Art Programm-ankündigung durch den Pfarrer. Verschiedene Gesangsauftritte wurden angesagt und auch ein Liturgischer Tanz. So standen dann bald auch Sängerinnen vorne. Später kamen vier Damen in einer Art liturgischen Gewand nach vorne und machten einen liturgischen Tanz. Dann kam auch Tays an die Reihe, zusammen mit einem anderen kleinen Mädchen sang sie ihr Lied.

Alles ganz nett dachte ich – immerhin riss die Stimmung die Menschen mit. Wobei es für mich eine Aneinanderreihung von Musik. Liedern, Tanz und Texten war, einen roten liturgischen Faden konnte ich nicht erkennen.

Aber ich war schon auf die Predigt gespannt. Und die entsprach dann – im negativen Sinn – ganz meinen Erwartungen. Der Pastor sprach erst davon, was für schöne Landschaften, aber auch Gebäude es bisweilen auf unserer Erde gäbe. Dann projizierte einen Bibeltext aus Johannes 14 an die Wand, in dem Jesus sagt: Ich gehe hin euch die Stätte zu bereiten. Und dann sprach er davon, wie wunderbar es erst an diesem Ort „jenseits der Sterne“ sein musste. Er sprach dann einzelne an: „Wenn du hier eine Krankheit hast, dort gibt es keine Krankheiten!“ „Wenn du hier jemand verloren hast, dort wirst du alle wieder finden.“… Es war also im Endeffekt reine Jenseitsvertröstung. Auf mich wirkte der Pastor immer mehr wie ein Showmaster oder Autoverkäufer.

Am Schluss wurde ich zu meiner Überraschung noch aufgefordert ein Gebet zu sprechen (der Pastor hatte mitbekommen, dass ich auch Pastor bin.)

Naja im Großen und Ganzen fühle ich mich dann doch in unseren lutherischen Gottesdiensten wohler. An der mitreisenden Musik kann man da ja noch arbeiten…

Stefan Pickart

Mal wieder in Vitória


Liebe Blogger-Leser,
ich, Stefan Pickart, bin ja mal wieder in Vitória. Zum ersten mal (wieder) einfach als Stefan und nicht mehr als Pfarrer der Partnergemeinde. (Muss mich selbst noch daran gewöhnen.) Aber natürlich liegt mir die Verbindung zum Casa Legal und den Menschen hier immer noch sehr am Herzen.

Der Blog wurde ja leider in letzter Zeit recht stiefmütterlich behandelt, der letzte Eintrag stammt vom Anfang des Jahres - so dachte ich mir, ich poste hier mal wieder ein paar Eindrücke. Schauen wir mal, wer die alle entdeckt.

Zunächst entdeckte ich in meinem Computer zwei Einträge, die ich im vergangenen Jahr offline geschrieben hatte und die nie hochgeladen wurden. Da diese aber immer noch auf ihre Weise interessant und aktuell sind, werde ich Sie als erstes posten. Also nicht wundern, wenn darin meine Mutter auftaucht - die war nur letztes Jahr dabei.

Abracos do Brasil
Stefan