20.05.2009

Busfahrt nach Nova Esperanca

Olá gente!

Hier bin ich wieder und melde mich mit meinem zweiten Unterstützerbrief an euch Lieben aus Brasilien. In diesem Brief möchte ich euch ausschließlich aus Nova Esperança berichten, dem Stadtviertel Cariacicas in dem ich in der Kindertagesstätte “Casa Legal” seit September arbeite.

Wilde Reise in die “Neue Hoffnung”

Ein typischer morgen eines CasaLegal-Arbeitstages beginnt um 7 Uhr früh an der Bushaltestelle in der Nähe meines Hauses in Vitória. Hier stehe ich nun meist ein paar Minuten rum, genieße die ersten morgendlichen Sonnenstrahlen, die mir dann aber auch schnell zu heiß werden, und warte darauf, dass unter den vielen Bussen, die wild am Bürgersteig vorbeirasen, mein Bus nach Cariacica irgendwann zufällig dabei ist.

Ausgehängte Buspläne gibt es hier nicht. Man gewöhnt sich daran, dass der Bus normalerweise um die ähnliche Uhrzeit kommt. In den Bus eingestiegen, durchs Drehkreuz beim Fahrkartenverkäufer durchgelaufen und einen Fensterplatz erhascht, stecke ich mir die Kopfhörer meines MP3-Players in die Ohren und genieße den Wind der mir von den offenen Busfenstern ins Gesicht weht und mein verschwitztes Gesicht trocknet. Der Bus rauscht durch die Stadt, legt sich weit in die Kurven und schafft es auf wundersame Weise in solcher Geschwindigkeit fast keine Unfälle zu bauen. Leider kommt es doch hin und wieder vor, dass sich jemand bei diesen Fahrtbedingungen verletzt, z.B. wurde einem jungen Mann vor ein paar Wochen der Arm gebrochen, als er ihn aus dem Fenster hängen ließ und der Bus nahe an einem Straßenschild vorbeifuhr. Ein anderes Mal viel ein älterer Mann im Bus hin, worauf der Busfahrer sich entschied kurzfristig die Fahrtrute zu ändern und den Mann samt allen anderen Fahrgästen bei einem nahegelegenen Krankenhaus vorbeizufahren. Schön fand ich, dass sich keiner der anderen Leute über die dadurch verursachte Zeitverzögerung beschwerte.

In Cariacica am Terminal sicher angekommen heißt es umsteigen. Von hier an beginnt die Fahrt durch das hügelige Stadtrandgebiet: es geht bergauf und bergab, an den Straßenrändern sieht man wildes Gebüsch und Wiesen, Häusergruppen, die von in die Natur geschmissenen Müll umringt sind, frei herumlaufende dürre Kühe, oder Pferde, kleine evangelische Freikirchen, enge Täler, algige Teiche, schwarze, stinkende Flüsse, Obstbäume und lebensmüde herum rasende Motorradfahrer. Nach 40-minütiger Land-Reise und gut durchgeschütteltem Sitzfleisch biegt der Bus in Nova Esperança ein. Ich ziehe an der Leine, die über den Sitzen gespannt ist, um das Signal zu geben, dass ich aussteigen möchte - hier im Staub, den der Bus von der Straße aufgewirbelt hat.