22.01.2009

Erster Unterstützerbrief von Maren Manz

Hier nun mal Nachrichten von der 2.Freiwilligen in Vitória Maren Manz.

Auch Sie schrieb einen Brief an die Leute, die Ihren Aufenthalt von Deutschland aus mit 10 Euro monatlich unterstützen. Der Brief ist es wert auch hier nach und nach veröffentlicht zu werden.

Hallo meine lieben Unterstützer!!!

Letztendlich kommt nun doch mein erster Unterstützerbrief... ich habe euch viel zu lange warten lassen. Mein Kopf ist vollgestopft mit vielen bunten Erlebnissen, Bildern und Menschen, die ich hier bisher in Brasilien kennen lernen durfte – er ist so voll, dass ich gar nicht weiß wo ich anfangen und wo ich aufhören soll, geschweige denn, wie ich es schaffen kann alles wahrheits- und eindrucksgetreu zu beschreiben, ohne dabei den Rahmen eines Briefes zu sprengen. Das Beste ist wohl mit dem Anfang meines Aufenthaltes zu beginnen und euch erstmal alle wichtigen Orte und Tätigkeiten zu beschreiben, damit ihr ein erstes Bild bekommt.

Ich bin also Ende August zusammen mit meiner Partnerin Carina Rosenstein aus Odelzhausen und einem 20 Kilo schweren Koffer vom Flughafen München los geflogen. Sicher, wohlbehalten und unglaublich aufgeregt kommen wir einen Tag später in Brasilien in der Stadt Vitória an. Der Städte-Ballungsraum Grande Vitória umfasst fünf Städte (Vitória, Cariacica, Serra, Vila Velha und Viana) und wird von insgesamt ca. 1,5 Millionen Menschen bewohnt.

Wir steigen also aus dem Flieger, die Luft ist auf einmal heiss und der Flughafen klein und rammelvoll; voller Menschen, die wir beide mit Sicherheit noch nicht kennen. Als uns Vilmar, unser Mentor, mit dem Auto abholt, um uns in unsere Gastfamilie zu bringen, wird mir bewusst: jetzt sitzen wir hier in Brasilien und werden hier ein gesamtes Jahr lang bleiben. Und es wird sehr anders als in Deutschland sein.

Ich kann nicht genau sagen, ob mir diese Vorstellung mehr Freude, Zweifel an mir selbst, Angst, Neugier oder einfach nur nochmehr Aufregung bereitet hat. Vielleicht von Allem ein bisschen

Die Wohnungssuche und Wohnsituation

Die ersten dreieinhalb Wochen wohnten wir beide in einem Zimmerchen in der Wohnung der Gastfamilie "Berger", wo wir herzlich empfangen und auf das Alltagsleben vorbereitet wurden.

Schon die einfachsten Dinge laufen hier in Brasilien anders:

Ein Bus hält hier nicht, wenn man nur wartend an der Bushaltestelle steht, nein er fährt in rasender Geschwindigkeit vorbei, wenn man ihm nicht den Arm wild winkend entgegenstreckt. Man darf auch nicht einfach irgendwo, irgendwie einsteigen, sondern stellt sich dazu in eine Einsteige-Schlange an der vorderen Türe des Buses an und wird nach Bezahlung beim Fahrkartenverkäufer durch ein enges Drehkreuz hineingelassen.

Ebenso wird hier sehr knappe Kleidung auch in der grössten Hitze nicht immer gern gesehen, ganz im Gegenteil zu der in Deutschland verbreiteten Vorstellung von lächelnden, halbnackten Sambatänzerinnen, wie man sie den Reisebürokatalogen zu sehen bekommt. All diese Kleinigkeiten mussten uns noch erklärt werden, damit wir nicht zu sehr in der Menge der Brasilianer als "gringas", also Ausländer mit höchstwahrscheinlich viel Geld in der Tasche, auffallen. Das würde unsere Sicherheit nur allzusehr gefährden.

Das apartamento der Familie liegt in Jardim Camburi in Vitória in einem Hochhaus mit Türwächter und Swimming-Pool im Hof. Jardim Camburi ist ein Viertel der reicheren Mittelklasse, nahe am Strand. Hier ist es relativ sicher und meiner Meinung nach auch sehr sauber. Die Bewohner schützen sich vor Dieben mit Hilfe von Wachpersonal, Mauern und der häufigen Inanspruchnahme ihrer Autos. Es wurde uns abgeraten ohne männliche Begleitung abends aus dem Haus zu gehen, geschweige denn ohne Auto. Auch tagsüber allein herumzulaufen sei sehr gefährlich.

Inmitten dieser Warnungen und Ängste vor mordlustigen Brasilianern, wie auch dem Gefühl der Orientierungslosigkeit und Abhängigkeit bekam ich schnell schlimmes Heimweh und sah mich das bevorstehende Jahr in Brasilien in Sicherheit eingesperrt auf meine Abreise nach Deutschland wartend.

Es ist sehr gut gewarnt zu werden und dies zeigt ebenfalls die Besorgnis der Gastmutter um uns zwei orientierungslose Mädchen. Jedoch bin ich froh diese Horrorvorstellungen von einem Jahr in einem "Goldenen Käfig" nach diesen drei Wochen losgeworden zu sein und in das brasilianische Leben selbstständig eintauchen zu dürfen.

Da nach den ersten drei Wochen leider noch kein fester Wohnort für uns zwei gefunden werden konnte, zogen wir aufgrund spontanen Besuchs der Tochter der Familie Berger um zu unserer zweiten Gastfamilie. Die "Foersters" wohnen in Vila Velha, einer anderen nahegelegenen Stadt, abgetrennt von Vitória durch eine Meeresbucht und verknüpft durch eine riesige sehr hohe Betonbrücke, der Terçeira Ponte.

Das wirklich schöne und geräumige, aber auch durch Kinder belebte Haus liegt ebenfalls nahe am Strand in dem relativ sicheren Mittelstandsviertel Praia Itapoã. Die Familie, die genauso wie Familie Berger zur evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Vitória gehört, nahm uns sehr spontan freundlich und hilfsbereit auf und nahm uns die im Nacken juckende Sorge keinen Schlafplatz zu haben. Ich war einerseits beeindruckt und gleichzeitig überrascht über die brasilianische Hilfsbereitschaft und Spontanität immer irgendwie noch einen "jeitinho" (=kleiner Ausweg) zu finden.

Leider war unsere Wohnsituation nach dieser Zeit in Vila Velha noch immer nicht geklärt und wir mussten aufgrund von unerwartetem Besuch bei der Familie aufs Neue umziehen und einen Schlafplatz finden. Diesmal zogen wir für eine Woche nach Maruípe, ein Stadtteil der unteren Mittelklasse, recht zentral in Vitória, in ein Waisenhaus der Fundação Fé e Alegria. Die Fundação Fé e Alegria werde ich später beschreiben.

In diesem abrigo (“Unterschlupf”) wohnten wir zusammen mit 13 Jungs im Alter von 6 bis 12
Jahren, die von Sozialpädagogen aus schlimmen Zuständen innerhalb der Familien rausgeholt und in diesem Haus untergebracht wurden. Das Ziel ist die Kinder in ihre Familien wieder einzugliedern, sobald dies möglich wäre, andernfalls mit viel Zuwendung und Fürsorge zu helfen den Einstieg in ihr eigenes Leben zu meistern und ein Zuhause zu bieten. Carina und ich haben die süßen Kinder schnell in unser Herz geschlossen und uns deren Tagesablauf angepasst. Jedoch war auch das Waisenhaus keine dauerhafte Lösung, da ab fünf Uhr morgens das Haus (gelegentlich auch unser Zimmer) von spielenden und kreischenden Kindern erfüllt wird und wir wenig Privatsphähre und Freiraum hatten.

Zeitgleich wurde unsere zukünftige, eigene Wohnung zum Renovieren freigegeben, wobei wir natürlich brennend auf unsere eigenen Zimmer gerne mithalfen. Wir haben also fleissig gearbeitet, das heisst auch jahrelang angesammelten Müll und Dreck des Hauses entfernt und nicht mehr verwendete Möbel für uns hergerichtet und gesäubert. Das für die Miete eingeplante Geld des ersten Monats, in dem wir ja Dank der brasilianischen Gastfreundlichkeit noch keine Miete zahlen mussten, haben wir letztendlich dafür ausgegeben allerlei Anschaffungen, wie Teller, Handtücher, Bettbezüge, Duschvorhang und viele weitere notwendige Dinge einzukaufen.



Die “Albergue”

Unsere Wohnung befindet sich, wie auch das Waisenhaus, im Viertel Maruípe in einer ehemaligen Herberge “albergue” der lutherischen Kirche.
Vor ca. 20 Jahren hatte die Kirche beschlossen eine kostenfreie Unterkunft für all die Leute bereitzustellen, die von weither nach Vitória anreisen, um sich medizinisch, hauptsächlich gegen Hautkrebs, behandeln zu lassen.Viele haben nicht die Möglichkeit den täglichen Heimweg anzutreten oder eine Bleibe zu mieten, schon finanziell ist das für viele nicht möglich. Dank dieser Einrichtung kommt es nun nicht mehr vor, dass die kranken, meist alten Menschen notfalls auf der Strasse übernachten müssen und dort, wie leider schon damals gelegentlich geschehen, vielleicht sogar ihr Leben lassen.
Die Herberge ist nur mittlerweile schon sehr alt und kaputt, weshalb eine neue, grössere nicht weit entfernt gebaut wurde. In dem nun frei gewordenen Gebäude der Alten Albergue gibt es einen unabhängigen Teil im ersten Stock, den wir jetzt schon seit drei Monaten aufgrund des Alters des Gebäudes leider nie ganz problemfrei bewohnen.

Gut ist, dass wir hier sehr nahe des Waisenhauses und des Büros der Fundação Fé e Alegria wohnen, in dem wir die Hälfte unserer Arbeitszeit tätig sind. Wir sind also nicht allein in der Nachbarschaft und können im Waisenhaus unsere Kleidung waschen und zum Mittagessen kommen.