27.11.2008
Wieder um eine Erfahrung reicher...
Gestern Nacht, halb zwölf, Jucutucuara (Stadtteil), ich kam gerade aus dem Kino. Hier findet nämlich diese Woche ein Filmfestival statt während dessen umsonst Kurzfilme gezeigt werden.
Eigentlich hatte ich mich mit einer Freundin und einem Freund verabredet aber keiner der beiden erschien. So sah ich mir die Filme alleine an. Als der letzte, ein Spielfilm mit normaler Länge, anfing dachte ich mir schon das könnte spät werden und dann muss ich noch nach Hause, alleine, aber ich blieb sitzen.
Als es dann allerdings zu schütten (regnen reicht hier nicht als Ausdruck ;-) anfing und durch das nicht ganz dichte Dach tropfte, liess ich den Film Film sein und machte mich in Anbetracht der schon recht späten Stunde mit meinem Schirm bewaffnet auf den Weg zur Bushaltestelle.
Ich wiegte mich in Sicherheit da ich bei diesem Regen niemanden auf der Strasse vermutete. Tatsächlich war ich auch die einzige Fussgängerin. Schnell liess der Regen nach und auf einmal wurde ich von hinten gepackt, jemand schrie "gib mir deine Tasche", entriess sie mir und rann davon!
Völlig verschreckt liess ich zwei Schrei von mir und konnte dem Dieb nur noch hinterherschauen wie er mit meiner Handtasche in die nächste Strasse verschwandt.
Ich konnte gar nicht glauben dass ich gerade überfallen wurde!!
Mein erster Gedanke: Wie komm ich jetzt nach Hause? Ich hab kein Geld mehr für den Bus!
Mein zweiter Gedanke: Scheisse, ich will jetzt überhaupt nicht alleine Bus fahren!
Mit zittrigen Knien ging ich 5 Meter weiter zu einer Bar vor der noch drei Typen sassen.
Ich bat darum kurz von einem ihrer Handys telefonieren zu dürfen.
Glücklicherweise wusste ich wenigstens die Nummer eines Freundes auswendig, der nur leider nicht dranging.
Ich brach endgültig in Tränen aus und die jungen Männer boten mir an mich nach Hause zu fahren. Vor meiner Haustüre fiel mir dann ein dass ich ja auch keinen Schlüssel mehr besass. So verbrachte ich die Nacht im Abriogo (wo wir ja auch schon mal gewohnt hatten).
Heute Morgen war die Leiterin des Abrigos dann ganz besorgt weil ich nicht einfach so zu drei jungen Männern ins Auto steigen könnte. Sie waren zwar schon hilfsbereit und kamen mir auch vertrauenswürdig vor aber natürlich hatte ich Glück.
Der Tipp der Leiterin, ein Taxi rufen und dann Zuhause zahlen.
Ja, jetzt weiss ich bescheid. Und daraus gelernt hab ich auch! Nicht mehr allein unterwegs nachts und am besten ohne Handtasche aus dem Haus. Geld und Handy am Körper tragen.
Diesesmal bin ich zum Glück noch mit einem schrecken davon gekommen und in Zukunft werde ich auf jedenfall vorsichtiger sein!
Liebe Grüsse Carina
24.11.2008
O grande chuva - Der grosse Regen
So wartete man auf den Abpumpwagen der Stadt, der in dieser Woche mehr als ausgebucht war. Leider war sein Kommen am Donnerstag darauf ziemlich umsonst, da dasselbe am nächsten Freitag wieder passierte. Überflutete Strassen, Verkehrschaos und wieder Wasser im Erdgeschoss....da es seitdem fast jeden Tag regnet ist man an seine Begleiterscheinungen schon gewohnt.
21.11.2008
Zwischenbericht
hier mal wieder ein schriftstellerisches Schmankerl...;-)
Da ich ja von Mission eine Welt aus gezwungen bin regelmässige Unterstützerbriefe und Zwischenberichte zu schreiben, möchte ich euch diese natürlich nicht vorenthalten.
Ich denke der Bericht ist durchaus interessant für euch auch wenn er eher sachlich verfasst ist.
Da stehn jetzt eher so Informationen drin, die ich sonst vielleicht nicht unbedingt hier erwähnen würde. Viel Spass!
Hallo Mission Eine Welt,
meine Arbeitsstelle ist das Casa Legal, ein Kulturzentrum für Kinder, der Fundação Fé a Alegria in Nova Esperança, Caraicica. Mir war das Casa Legal, durch den Besuch in unserer evangelischen Partnergemeinde in Vitória 2006, schon bekannt.
Aufgrund dieser Reise und der nun schon fast 9 jährigen Partnerschaft der Friedenskirchengemeinde Dachau - Odelzhausen mit dem Projekt Casa Legal, entstand die Idee dort ein einjähriges Praktikum zu absolvieren.
Da meine Stelle hier in Vitória erst dieses Jahr ins Freiwilligenprogram von Mission Eine Welt aufgenommen wurde, gab es noch keine festen Strukturen, im Bezug auf Freiwillige aus Deutschland, innerhalb der Fundação.
Das mit meinem Gemeindepfarrer Stefan Pickart eng befreundete Ehepaar Fátima und Vilmar Burzlaff, aus der Partnergemeinde, arbeiten für die Stiftung Fé e Alegria, die das Projekt betreut. Vilmar Burzlaff ist Leiter der Fundação im Bundesstaat Espírito Santo, Fatima Burzlaff ist als Koordinatorin für das Kinderkulturzentrum „Espaço Casa Legal“ zuständig.
Sowohl als gute Freundin Stefan Pickarts, als auch als Betreuerin der Freiwilligen, hat Fatima mich im Namen der Fundação mit offenen Armen empfangen und steht mir bis heute mit Rat und Tat zur Seite.
Meine Arbeit hier:
Das Projekt Casa Legal musste bei meiner Ankunft bereits eineinhalb Jahre auf zugesagte Gelder des brasilianischen Kulturministeriums warten. Aufgrund der der dadurch erstandenen finanziellen Notlage des Casa Legals, welches sich aus diesen Projektgeldern der brasilianischen Regierung und Spenden aus Deutschland finanziert, gab es zur Zeit unserer Ankunft nur zwei Lehrer dort. Somit wurde ich ebenfalls sogleich als vollwertige Lehrerin beschäftigt. Aufgrund meiner Vorlieben und Erfahrung gebe ich dort zweimal die Woche ganztags Tanz- und Turnunterricht, sowie jeden Freitag zusammen mit Maren Manz Englischunterricht für die Jugendlichen, die aus dem Projekt bereits herausgewachsen sind.
Die anderen zwei Tage der Woche betreue ich das Patenprojekt, das seit drei Jahren zwischen Kindern des Casa Legal und Paten der Friedensinsel Odelzhausen besteht.
Ins Leben gerufen von Stefan Pickart, sichert dieses Projekt mithilfe der monatlichen Spenden von mittlerweile über 70 Paten das Bestehen des Casa Legals. Meine Aufgaben hierbei sind: Übersetzen von Briefen, Verfassen von Briefen mit Kindern des Projekts, neue Patenkinder auswählen und interviewen.
Eine wirkliche Einführung in meine Aufgaben hier gab es leider nicht. Der Tagesablauf des Projekts hat sich schnell von selbst erklärt und bei meinen Stunden konnte mir nicht viel geholfen werden. Die grundsätzlichen Aufgaben im Bereich des Patenprojekts wurden mir schon in Deutschland von Stefan Pickart erklärt, der mich auch per Internet von Deutschland aus dabei unterstützt. Da es bisher in dem Paten-Projekt keinen festen Ansprechpartner vor Ort gab und keine kontinuierlichen Freiwilligenstellen fand ich hier allerdings einiges Durcheinander vor, in dem ich mich allein zurechtfinden musste.
Diese bisherige Umstrukturiertet in meiner Arbeit schiebe ich aber auf die Tatsache, dass bisher einfach noch keine Erfahrung, Routine und feste Arbeitsbereiche für die Freiwilligen existieren. Daher bin ich zusammen mit Fátima Burzlaff sehr damit beschäftigt meinen Einsatz hier sinnvoll zu gestalten und klar gegliederte Arbeitsbereiche auch im Hinblick auf zukünftige Freiwillige auszusuchen.
Auch soll die Betreuung der Freiwilligen in Zukunft besser organisiert und auf mehrere Schultern verteilt werden.
Veränderungen im Casa:
Zusammen mit mir arbeitet noch Maren Manz im Projekt und an den Patenschaften.
Die Mitarbeiter im Projekt haben uns freundlich aufgenommen, stehen mit Rat und Tat zur Seite und behandeln uns respektvoll und als vollwertige Teammitglieder.
Die Arbeitsatmosphäre im Projekt Casa Legal ist sehr stressig. Das Projekt ist aufgrund des derzeit herrschenden Mangels an Fachkräften noch schlecht organisiert.
Ein weiteres Problem stellt auch die große Fluktuation im Elends-Viertel dar, in welchem das Projekt liegt. Es ist von vielen Zu- und Wegzügen geprägt.
So ist es schwer feste Gruppen zu bilden, da man sich nicht auf das regelmäßige Kommen aller Kinder verlassen kann.
Das Projekt möchte allen Kindern die Möglichkeit geben an den angebotenen Kursen teilzunehmen, daher können sich neue Kinder täglich immatrikulieren und zur schon bestehenden Gruppe stoßen, was eine kontinuierliche Arbeit natürlich erschwert.
Glücklicherweise ist vor wenigen Tagen das schon lang ersehnte Geld des Kulturministeriums eingetroffen, mit welchem bereits ab Dezember neue Lehrer für Tanz, Theater, Musik und Kunst eingestellt werden sollen.
Somit werden Maren und Ich von unserer Verantwortung als Lehrerinnen befreit und können uns anderen, bisher noch nicht definierten Tätigkeiten, widmen. Diese Entwicklung empfinden wir beide als absolut positiv, da wir uns teilweise überfordert gefühlt haben.
Unsere Wohnsituation:
Auch unsere Wohnsituation, die sich mittlerweile mithilfe eines von der Kirche zur Verfügung gestellten Apartments gelöst hat, sorgt weiterhin für Probleme.
Auch hier ist zu sagen, dass vor unserer Ankunft noch keine feste Unterkunft für Freiwillige bestanden hat. Daher wurde beschlossen ein Apartment im Gebäude der alten Albergue* zu renovieren. Maren und ich sind mit unserem Apartment und den Freiheiten, die jenes mit sich bringt sehr zufrieden, leider sorgt das alte Gebäude jedoch immer wieder für Probleme. Außerdem wird ein Teil des Hauses am Wochenende noch genutzt und es bestehen Überlegungen eines eventuellen Abrisses.
Laut Fátima Burzlaff sei unsere Wohnsituation noch bis zu unserer Abreise gesichert, danach müsse man sich aber wohl eine andere Möglichkeit überlegen
Kontakt zur Umgebung:
Nun aber zu erfreulicheren Dingen. Mit der Sprache komme ich mittlerweile sehr gut zurecht. Ich hatte keine Probleme mich daran zu gewöhnen und ich werde immer wieder für meine schon sehr guten Sprachkenntnisse gelobt. Dazu beigetragen hat auf jeden Fall der Kontakt zu Einheimischen außerhalb des Projekts. Welche ich in einigen der vielen kostenlosen Angebote für Jugendliche hier kennengelernt habe.
Kontakt zu anderen Freiwilligen von MEW habe ich teilweise über E-Mail. Natürlich habe ich Kontakt zu Maren (wir teilen eine Wohnung;-), außerdem arbeitet hier in Vitória noch Kaja Knöpfle als Freiwillige in einem Projekt der Fundação, sie stammt aus Augsburg und ist über Stefan Pickart privat für ein Jahr hier.
Größtenteils habe ich aber Kontakt zu nicht deutsch sprechenden Menschen, was meinen Sprachkenntnissen sehr zum Vorteil kommt.
Abschließend möchte ich sagen, dass ich mich hier sehr gut aufgehoben fühle und mir die Arbeit nach diversen Veränderungen demnächst sicher mehr Spaß machen wird. Als ich ankam war vieles nicht so, wie es sein sollte. Aber schon einiges hat sich gebessert und ich arbeite immer noch daran, hier für die Zukunft einen festen Standort der Freiwilligenarbeit zu schaffen. Ich hoffe mit meinem ehrlichen Bericht nicht erschrocken oder gar verunsichert zu haben, schließlich war die Aufnahme unseres Projekts ein gewisses Risiko.
Ich bin allerdings der Meinung, dass die Fundação, das Casa Legal und Vitória, im Grunde ideale Voraussetzungen bieten, um hier auch in Zukunft Freiwillige aufzunehmen.
Zum anderen spielt natürlich die langjährige Partnerschaft zwischen meiner Gemeinde und den Menschen hier eine große Rolle in dieser Verbindung. So bereiten sich im Landkreis Dachau bereits wieder zwei neue Freiwillige mit Stefan Pickart auf einen Freiwilligendienst hier vor.
Mit ganz lieben Grüßen,
Carina Rosenstein
09.11.2008
Der 1. Unterstützerbrief
Hallo liebe Bloggerleser!
Hab mich ja schon länger nicht mehr gemeldet, dafür gibt´s jetzt aber umso mehr zu lesen. Und zwar in Form eines Unterstützerbriefes, der die nächsten Tage an meine lieben Unterstützer rausgeht. Wer sich jetzt fragt was es mit der ganzen Unterstützung auf sich hat dem seis nochmal schnell erklärt. Von Seiten meiner Organisation Mission Eine Welt waren alle Freiwilligen verpflichtet sich 10 Unterstützer zu suchen, die sie mit einem Betrag von monatlich 10 Euro unterstützen. Als Gegenleistung muss ich mindestens 5 Briefe im Jahr an sie schreiben.
Und da ich diesen Brief allen nicht Unterstützern natürlich nicht vorenthalten will bekommt ihr ihn hier schon mal vorab zu lesen.
Liebe Unterstützer,
Hier kommt mein erster offizieller Brief an euch. Zuerst einmal möchte ich sagen, dass es mir gut geht. Ich bin nun seit über zwei Monaten hier in Vitória, im schönen Brasilien.
Was zwei Monate schon? Das überrascht mich ja selber! Ich muss zugeben, dass die ersten Wochen etwas schwierig für mich waren und sich die Zeit dementsprechend auch länger hingezogen hat aber jetzt vergeht sie wirklich wie im Flug..
Die ersten Wochen - verschiedene Wohnungen
Aber nun nochmal von vorne. Als wir hier am 26. August ankamen, wohnten wir erstmal bei derselben Gastfamile die mich schon damals, als ich 2006 mit der Brasiliengruppe unserer Gemeinde hier war, aufgenommen hatte. Eigentlich sollten wir ja in einer eigenen Wohnung wohnen, die uns die Kirche hier zur Verfügung stellen sollte. Das Problem lag nur darin, dass diese Wohnung zum Zeitpunkt unserer Ankunft noch nicht renoviert war. Daher verbrachten wir die ersten 6 Wochen mit einigen Umzügen. Das hat uns zwar auf der einen Seite sehr belastet und teilweise auch genervt, immer auf dem Sprung zu sein, nicht wirklich ankommen zu können aber andererseits haben wir so tolle Erfahrungen gemacht. Wir haben drei völlig verschiedene Wohnverhältnisse kennengelernt.
Zuerst meine “alte” Gastfamilie in Vitoria, dort hatten wir allerlei Annehmlichkeiten und Gasteltern mit einem Herzen aus Gold. Danach zogen wir nach Vila Velha, in eine andere Stadt. Das gab uns die Möglichkeit uns auch hier umzusehen, den Horizont und unseren Orientierungssinn in diesem riesen Konglomerat aus 5 Millionenstädten zu erweitern. Soll heissen, die fünf Städte Vitoria, Vila Velha, Cariacica, Serra und Viana gehen zum Teil ohne sichtbare Grenze ineinander über.
Obwohl die Entfernungen teilweise wirklich enorm sind werden die Städte von den Menschen hier nicht separat gesehen sondern gelten irgendwie als eins. So ist es zum Beispiel normal in Vitória zu wohnen aber in Cariacica zu arbeiten, wie wir zum Beispiel. Die Menschen pendeln hier von Stadt zu Stadt, was hier dank Unmengen an Busverbindungen auch gut möglich ist. Nur bedeutet das im Normalfall, dass ein Weg von anderthalb Stunden zur Arbeitsstelle als völlig normal betrachtet wird. Ganz anders als in Deutschland.
Unsere dritte Station war das Abrigo der Fundaçao Fé e Alegria in Vitoria. Dort haben auch schon andere Freiwillige vor uns gewohnt. Abrigo bedeutet soviel wie Unterschlupf. Das Abrigo ist ein Haus das zwölf, 6 bis 12 jährigen, Jungen eine Familie bietet. Diese Jungen kommen aus Problemfamilien, die sich nicht um sie kümmern können oder wollen. Hier leben sie alle zusammen. Gehen in die Schule, ins CaJun lernen wie es ist in einer Familie zu leben, noch dazu in einer ziemlich grossen. Richtige “Eltern” gibt es hier nicht. Tag und Nacht wechseln sich verschiedene Erzieher und Erzieherinnen mit der Pflege der Kinder ab.
Dort zu wohnen war ebenfalls eine sehr schöne Erfahrung für mich. Von Ruhe und Privatsphäre kann zwar keine Rede sein aber das vergibt man den kleinen Rackern sofort wieder, sobald man mit ihnen am Essenstisch sitzt oder sie einfach nur knuddelt.
Stiftung Fe e Alegria – die Projekte
Nun zur Fundaçao Fè e Alegria. Diese Stiftung hat hier in Vitoria mehrere Projekte. Es gibt insgesamt 5 Abrigos. Die Kinder kommen dort teilweise schon als Baby hin und können dort bleiben bis sie 18 Jahre alt sind. Die 5 Abrigos sind unterteil nach Altersgruppen. 0 bis 5 Jahre, 6 bis 12 Jahre und 13 bis 18 Jahre.
Dann gibt es noch 13 CaJuns (CaJun= Caminhamos Juntos = Wir gehen zusammen), das sind Projekte in denen die Kinder nach der Schule an verschieden Kursen teilnehmen können. Wie zum Beispiel Sport, Capoeira, Kunst, Tanz, Musik…jedes CaJun hat etwas andere Angebote, und natürlich müssen die Kinder dafür nichts zahlen.
Das Projekt in dem ich arbeite gehoert auch zur Fundaçao und ist den CaJuns ziemlich ähnlich, nur dass es nicht in Vitoria sondern in Cariacica liegt. Es heißt Casa Legal (übersetzt: das tolle Haus).
Wir arbeiten dort dreimal die Woche. Momentan gibt es nur einen Capoeira- und einen Sportlehrer, die festangestellt sind, und Maren und mich.
Maren gibt Kunstunterricht und Ich Tanz- und Turnstunden. Außerdem geben wir an einem Tag der Woche noch Englischunterricht für die Jugendlichen im Viertel, die schon älter sind als 16 Jahre und das Projekt nicht mehr besuchen.
Viertel Nova Esperanca
Das Viertel Nova Esperança
Das Projekt unterscheidet sich insofern von den CaJuns, da es sich nicht direkt in der Stadt befindet. Nova Esperança (neue Hoffnung), so heisst das Viertel in dem das Casa Legal liegt, ist ein Teil der Stadt Cariacica aber als Stadtteil im typischen Sinne ist Nova Esperança eigentlich nicht zu betrachten.
Auf unserem Weg dorthin durchfahren wir mit dem Bus ganz unterschiedliche Gegenden. Wir starten in Vitoria, einer Grossstadt wie man sie sich vorstellt. Fahren ueber die Segunda Ponte, die zweite Bruecke, die einen Ausblick ueber die Insel Vitoria, die wir hinter uns lassen und ueber die ersten Haueseransammlungen von Vilha Velha zur Linken und Cariacica zur Rechten bietet. Als wir die Bruecke in Cariacica verlassen, erleben wir schon einen ganz anderen Eindruck. Obwohl nur durch eine Bruecke ueber das Meer getrennt, erscheint uns die Umgebung ploetzlich gar nicht mehr so grossstaedtisch wie Vitoria. Das liegt wohl daran, dass man mit Vitoria auch alle Hochhaeuser hinter sich gelassen hat, die der Stadt ein so maechtiges Aussehen verschaffen.
Am Busterminal steigen wir in einen Bus, der uns direkt nach Nova Esperança faehrt.
Auf dem Weg dorthin wird alles immer kleiner, die Hochhaeuser machen normalen Gebaeuden platz, die riesen Shoppingcenter normalen Geschaeften und die dreispurigen Strassen verjuengen sich zu nur mehr einer Spur in jede Richtug.
Immer weiter entfernen wir uns von der laermenden, hektischen, monstroesen Grossstadt. Und immer deutlicher sehen wir die ersten Anzeichen der Armut.
Obwohl einige der Menschen in diesen Vierteln bestimmt ein besseres Leben fuehren als die, die sich in den Favelas in Vitoria niedergelassen haben, nimmt man doch ihre einfachen Lebensumstaende eher wahr, weil die Armut in der Grossstadt auf den ersten Blick einfach von deren Monumentalitaet ueberschattet wird.
Bisher habe ich von Cariacica noch nicht viel kennengelernt. Vitoria kann ich langsam einschätzen als Stadt aber von Cariacica kenn ich nur den Teil durch den unser Bus immer fährt und es fällt mir schwer in Cariacica eine richtige Stadt zu sehen, verglichen mit Vitoria.
Vor allem da die Gegend immer ländlicher wird umso näher wir unserem Ziel kommen. Plötzlich sieht man hinter den Häusern links und rechts Natur. Man sieht hohe Berge, Täler, weite Wiesen und Felder und zwischendrin an einem Hang immer wieder Behausungen, deren Farbe sich vom grau des Betons nun zum rot der unverputzten Ziegel gewandelt hat.
Die Gegend hier weißt nicht mehr die Enge einer Stadt auf. Ich weis nicht was das für die Menschen, die hier leben für ein Gefühl ist. Wie es sich anfühlt hier zu leben. Gerade weil die Fahrt nach Nova Esperança anderthalb Stunden dauert kommt man sich wirklich weit von der Zivilisation entfernt vor.
Wie ist es hier zu leben? In einer ziemlich großen Nachbarschaft. Mit so vielen Häusern, dass es fast schon wieder anonym werden könnte aber doch kennt man seinen Nachbarn, der auf der anderen Seite des Zauns wohnt.
Das Viertel, die Ansiedlungen hier sind zu groß um als ländliche Ansiedlungen durchzugehen aber trotzdem gibt es hier außer Privathäusern fast nichts.
Ein paar Bars um Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit im Alkohol zu ertränken, ein Geschäfft das gebrauchte Kleidung verkauft und ein paar winzige Lebensmittelläden.
Und natürlich die Kirchen, die wahrscheinlich auch deshalb so voll sind weil es hier sonst einfach nichts gibt wo man hingehen könnte.
Dieses Viertel, von dem ich immer noch nicht einschätzen kann wie groß es eigentlich ist, kommt mir vielleicht auch deshalb so hoffnungslos vor, weil allein schon Odelzhausen, das mindestens genauso groß ist wie Nova Esperança so viele Geschäfte und soviel Treiben hat und trotzdem nur als Kaff betrachtet wird.
Dabei weiß ich erst jetzt was es heißen muss, in einer Gegend zu wohnen, in der wirklich nichts ist.
Wenn ich am Busterminal in den Bus steige, dann frag ich mich immer warum alle anderen Leute wohl in diesem Bus sitzen? Ich komme regelmäßig zu dem Schluss dass sie wohl in Nova Esperança wohnen müssen und von einem Ausflug zurück kehren, denn was sollte man dort sonst wollen. Auch habe ich immer das Gefühl etwas komisch angesehen zu werden wenn ich den Bus an der Haltestelle verlasse.
Vielleicht wird mir meine Nationalität nicht unbedingt angesehen aber doch falle ich auf, sei es allein durch meine Kleidung. Und ich habe immer das Gefühl als fragen sich die Leute, was will so eine, die nicht so aussieht als würde sie hier wohnen, denn hier?
Meine Arbeit
Nun ja, ich arbeite hier. In einem Projekt, dass wenn ich so darüber nachdenke wirklich wichtig für das Viertel zu sein scheint.
Steht man vor dem Gebäude, dann sticht es schon ziemlich heraus. Es ist wahrscheinlich das einzige Haus, das zum einen verputzt was man noch ab und zu sieht, zum anderen bunt gestrichen ist.
Gegenüber des großen Gebäudes steht seit drei Jahren ein kleineres, zweistöckiges Haus, das eine Bibliothek, eine Küche, ein Spielzimmer und zwei große Räume im ersten Stock beherbergt.
In diesem Haus halte ich mich die meiste Zeit auf, denn dort gebe ich meine Tanz- und Turnstunden.
Wenn ich morgens im Casa Legal ankomme dann warten meine Schüler meist schon auf der Strasse. Gemeinsam erklimmen wir die Stufen der Außentreppe um zu den Saelen im ersten Stock zu gelangen. Auf dem Weg schließen sich uns immer mehr Kinder an und sobald ich die Tür zum Tanzsaal öffne huschen auch schon 20 Kinder rein, schmeißen sich begeistert auf die, für die Gymnastikstunde vorgesehenen Matten und fazem bagunça – machen Quatsch!
Und so vergeht der Vormittag, bis Nachmittags eine neue Schaar Kinder kommt. Die ebenfalls unterhalten, in ihre Schranken gewiesen und beachtet werden will.
Unterhalten – Ja, so bin ich mir manchmal wirklich vorgekommen, vor allem am Anfang, als wäre ich hier einfach nur der Unterhalter. Warum?
Weil die Kinder in meine Stunde kommen und den Ersten bis ich, bisher von ohrenbetäubendem Geschrei zurückgehalten, anfangen kann schon wieder langweilig ist. Gerade will ich was erklären als die Konzentration schon wieder flöten ist und die Möglichkeit Streit mit deinem Nachbar anzufangen viel verlockender erscheint als mir zuzuhören.
So fühlte ich mich irgendwann einfach total überfordert mit dieser Meute, die zwar irgendwie was machen will mir aber nicht die Möglichkeit gibt etwas zu erklären und auch nicht auf Streit schlichtende Eingriffe reagiert. So entstand schnell das Gefühl hier hergekommen zu sein um sich auf der Nase herumtanzen zu lasen.
Aber wie so vieles hat sich auch dieses Gefühl mit der Zeit geändert.
Zwar kann ich nicht behaupten, dass die Kinder an Disziplin gewonnen hätten, aber allein meine Sprachfähigkeit reicht mittlerweile dazu mich eindrucksvoll bemerkbar zu machen und auch mal den Ein oder Anderen einfach rauszuschmeißen, wenn´s gar nicht mehr anders geht.
Sie in ihre Schranken weisen – Das ist leider ein sehr großes Thema, das fast die meiste Zeit der Unterrichtsstunden und des Tages in Anspruch nimmt.
So sehr die Kinder hier unsere deutschen in Lebensfreude, Impulsivität und Power übertreffen, so sehr fehlt ihnen Disziplin, Respekt und Pazifismus.
Es ist unmöglich mehrere Kinder zur selben Zeit an einem Ort zu versammeln ohne das innerhalb von fünf Minuten Streit ausbricht. Und dazu braucht es nicht mal Gegenstände, um die man streiten könnte.
Es reicht ein provokantes Wort und schon hat der Anstifter eine sitzen. Das geht meistens so schnell und an mehreren Orten gleichzeitig, dass man gar nicht weiß wo man zuerst dazwischen gehen soll.
Streit wird auch oft dadurch ausgelöst, dass es einfach an grundlegender Erziehung mangelt. Ganz einfache Sachen wie zuhören, wenn jemand spricht, ausreden lassen, sich in einer Reihe aufstellen und kapieren dass es völlig egal ist wer Erster, wer Zweiter und wer Dritter ist!!!
Sowas hat mich schon oft an den Rand der Verzweiflung gebracht. Eigentlich sehe ich den Sinn meiner Unterrichtsstunden gar nicht so sehr darin, den Kinder einen Tanz oder Kunststücke beizubringen, sondern einfach Unterricht zu halten und ihnen beizubringen was es heißt an einer Unterrichtsstunde teilzunehmen. Wie ich mich meiner Professora und meinen Mitschülern gegenüber zu verhalten habe. Dass ich nicht immer sofort mit den Fäusten zuschlagen muss, sondern Gott mir einen Mund zum reden gegeben hat.
Aufmerksamkeit – Das ist vielleicht ein Grund für die viel Streitereien. Oft kommen die Kinder in einem Streit zu mir und beklagen sich, der hätte angefangen und zwar deshalb…oder es wird sich drum geprügelt wer zuerst drankommt und ihrer Meinung nach ist das entweder der Stärkste oder der Lauteste.
Ich denke vielen Kindern fehlt es an Aufmerksamkeit und Zuwendung Zuhause. Sei es weil sie unter den ganzen anderen Geschwistern, die Zahl ist hier nach oben offen, ich hab sogar schon von 20 gehört, einfach untergehen oder von den Eltern einfach nicht die Liebe, Aufmerksamkeit und Wertschätzung bekommen. wie Kinder für die man sich als Elternteil bewusst entschieden hat.
Sexualität und ungewollte Schwangerschaften
Ungewollte und meist viel zu frühe Schwangerschaft ist hier definitiv ein Problem.
Ich habe letztens ein Theaterstück gelesen, dass einige der älteren Kinder (11 bis 14) gerade Proben. Darin geht es genau um dieses Thema. Ein Mädchen wird schwanger und traut sich nicht sich ihrer Mutter anzuvertrauen. Als sie ihrem Freund davon erzählt, macht der sich natürlich aus dem Staub. (Wie das hier halt so ist). Im Grunde sagt das Stück am Ende, dass sich die Mütter mehr um ihre Töchter kümmern und sie über Sexualität und Schwangerschaft aufklären sollen. Aber wie soll das Jemand, der genau dieselbe Vorgeschichte hat?
Sexualität – Hier überhaupt ein sehr kompliziertes Thema mit zwei Gesichtern. Zum einen die Freizügigkeit, wie man sie von den weltberühmten Sambatänzerinnen kennt, riesige Ausschnitte, die in Deutschland mehr als Aufsehen erregen würden, Funke, ein durch und durch sexueller Tanz zu Musik deren Texte sich um dasselbe Thema drehen. Aber auf der anderen Seite dürfen Pärchen egal welchen Alters vor der Ehe nicht beieinander übernachten, große Ausschnitte sind erlaubt aber untenrum zu kurz verpönt und zu viel turteln in der Öffentlichkeit wird auch nicht gerade gerne gesehen.
Und das ist nur ein Teil einer Kultur, die uns auf den ersten Blick gar nicht so anders als die unsere vorkommt und doch stoße ich jeden Tag auf kleine Details, die mich überraschen aber auch verunsichern. Wie sol lich damit am besten umgehen? Verhalte ich mich gerade richtig?
Noch bin ich erst zwei Monate hier obwohl mir das schon echt lange vorkommt. Aber ich verspüre keine Trauer, sondern eher große Freude, dass ich noch weitere 10 Monate hier bleiben darf um immer weiter in diese Kultur, diese Sprache und dieses Lebensgefühl einzutauchen.
Danke für eure Unterstützung, die all diese Erfahrungen möglich machen!
Ich grüsse alle meine Leser, denn gerne dürft ihr meine Briefe an alle weiterleiten, die mich kennen und sich dafür interessieren.
Bis zum nächsten Mal,
Eure Carina