13.04.2008

Einschussloecher und Einschlafpille!

``Da an der Wand siehst du die Einschussloecher, dort auf dem roten Erdweg ist er zuzammengebrochen und hier wo wir jetzt stehen auf dem Campo, hier hat er aufgehoert zu atmen, er hat nur noch so geroechelt! Schuesse haben wir gehoert, Geschrei und irgendwann kam dann mal die Polizei und ein Arzt. Ja, gesehen haben wir die Bande schon, die gschossen hat, aber wir duerfen sie nicht gesehen haben, denn dann sind wir auch dran und zwar ganz schnell.``
Die Kinder fragen mich ob ich jetzt nicht Angst haette mit ihnen auf dem Campo(Fussballplatz) zu bleiben. Eigentlich noch nicht, doch irgendwie wird es mir ein bisschen mulmig bei der Vorstellung, dass ein Tag zuvor genau an dem Fleck wo wir jetzt stehen ein Mensch erschossen wurde. Dann erzaehlen mir noch ein paar Maedchen, dass der Kindervergewaltiger aus dem Gefaengnis ausgebrochen sei und schon wieder im Nachbardorf gesehen wurde. Diese Story kursiert schon seit drei Wochen in Nova Esperança, doch letzte Woche wollten die Maedchen aus meinem Kurs nicht einmal mehr das Haus verlassen und auf den Campo gehen und da muss ich sagen,dass ich auch sehr gern den letzten Dienstag im Casa-Legal-Haus geblieben bin, mit einer Tuer zum abschliessen! Dann ging es weiter: Ein Maedchen wurde aggressiv und wollte einem anderen Kind irgendwas wegnehmen und meinte ich solle da eingreifen, da es sehr gefaehrlich sei. So erfuhr ich, dass dieses sechsjaehrige Kind eine Pille bei sich hatte, die dich ``augenblicklich fuer immer einschlafen laesst!`` ``Wieso ich davon weis?Ganz einfach; meine Tante, mein Onkel und ein Cousin haben sich mit so einer Pille umgebracht, das weis doch jedes Kleinkind!``
Gegen Ende der Woche hat sich diese kleine Aufregeung schon wieder gelegt und als haetten die Kinder diesen hier``ganz normalen Vorfall`` schon wieder vollkommen vergessen, zerren sie mich mit ``tia-tia-tia-Rufen`` zum Campo um dort zu Balancieren. Aber von einer ``Balance`` kann man hier wirklich nicht sprechen. Scheinbar ein ganz freundliches, nettes kleines Dorf, dieses Nova Esperança, mit pausenlosem Kinderlachen, einer gigantischen Berglandschaft und lustigen schraegen Voegeln! Dann aber die Kehrseite: Drogenbanden, die das Dorf unter Kontrolle haben und wer nicht zahlen kann, der wird einfach beim sonntaeglichen Fussballspiel mit vielen Zuschauern aus dem Tor geschossen und von der Leinwand gefegt. Dann veranstalten die Verwandten drei Tage lang eine Jammer-Schluchz-Versammlung und danach scheint der Erschossene in alle Ewigkeit im schwarzen Loch der Vergangenheit zu versinken.Die darauffolgenden Tage bin ich dann mit einem anderen Blick durch Nova Esperança spaziert und jeder Mann, der irgendwie in meine Naehe kam, loeste eine kleine Beunruhigung in mir aus. So war ich mittags allein auf dem Campo und dann kam so ein Mann auf mich zugelaufen. Bei jedem Schritt, den er in meine Richtung macht, kribbelt es mich immer heftiger. Er palavert irgendwas und ich konzentriere mich einfach nur vollkommen auf meine bloede Balancierschnur. Dann ist er bei mir angelangt und ich wuerde am liebsten mit einem riessen Schrei in die Luft huepfen und davonfliegen. Doch dann stellt sich heraus, dass er einfach ein netter Bewohner von Nova Espernaça ist, der mir vom casa Legal vorschwaermt und meint, dass dieses Haus vom Himmel kommen wuerde und schon einiges hier positiv verandert haette. Ich atme durch und langasam kann ich mich dann entspannen. Aber allein schon staendig dieser Gedankenteufel, der mir in jeden Mann eine Gefahr hineinprojeziert, stoerte mich letzte Woche gewaltig. Die Organisatorin des Projektes berichtete mir dann, dass im Nachbardorf ein paar Tage zuvor noch zwei weitere geldlose Drogenkauufer erschossen wurden und ich brauchte ueberhaupt keine Angst haben, insofern ich nicht in die Drogengeschaefte einsteige!
Und noch was komisches: Da bin ich einmal im Bus von Nova Esperança in die Stadt nach Hause gefahren und wurde von einem ganz netten kleinen Jungen unterhalten. Zunaechst dachte ich mir nichts dabei und ich hab ihm vom Casa Legal erzaehlt, ein paar deutsche Woerter beigebracht...aber irgendwie kam es mir so vor, als wuerde er mich ausfragen. Er stellte gezielte Fragen, wo ich genau wohne, wieso ich hier im Casa Legal bin, was ich da mache....und diese Fragen waren extrem gezielt gestellt. Und dann bemerkte ich auch, dass er nicht allein im Bus war, so wie er es mir sagte, sondern, dass ein junger Mann weiter vorne im Bus zu ihm gehoerte und ihn immer wieder anschaute und beobachtet. Jojo, da wurde ich vorsichtiger, denn bei einer Versammlung wurde uns erzaehlt, dass hier Kinder von Drogenbossen als Spione ins Casa Legal geschickt werden um uns und die Projektarbeit auszulauschen. Die Kinder funktionieren hier als Drogenlieferanten und Uebermittler und wenn wir die Kinder ans Casa Legal binden, dann haben sie fuer die Drogengeschaefte keine Zeit mehr!
So, das war jetzt zwar ein bisschen trauriger Abschnitt, aber scheinbar hab ich mich hier schon so verwurzelt, dass ich meinen Aufenthalt wahrscheinlich so lange verlaenger bis mich Brasilien rausschmeisst!Denn das Auslaenderdasein eroeffnet mir im Moment gigantisch viele Tueren, so hab ich z.B. ne Gruppe von Schauspielern kennengelernt, die mich nun abwechselnd mit in ihren Unterricht nehmen!!! Als normaler Brasilianer waer ich wahrscheinlich nicht so einfach in diese Theaterschule hineingekommen. Das gleiche passierte uns, als wir in einem Club schwimmen wollten. Wir Deutsche stellten uns einfach dumm und schwups konnten wir eintreten ohne zu bezahlen. Das ist schon eine irre Erfahrung!Palmherz(schmeckt ausnahmsweise koestlich!)-beijo
Oni

01.04.2008

Rambazambateufelchen!



Krachmacher-Rambazambahorde versus kuessende Schokoladenengelchen!

Ruckel-di-zuckel, ramba-di-wamba....so holpert mein Onibus von der stinkenden Stadt in die gruenen Berge von Nova Esperança. Anfangs war ich nur damit beschaeftigt mir nicht auf die Zunge zu beissen, Halt fuer meine Hanede zu suchen und krampfhaft mein Hinterteil in den Sitz zu pressen! Doch man gewoehnt sich dran und jetzt kann ich immerhin schon Pippi Meialonga lesen oder sogar ein Nickerchen einlegen.

Dieses hab ich auch noetig, denn wenn der Onibus die asphaltierte Strasse verlaesst und die roten Schlammwege Nova Esperanças passiert, dann heisst es drei Mal tief durchatmen und rein gehts in den Kinderhaufen.

``Tia...tia...tia...`` so werd ich morgens am Casa Legal von daherrennenden Kindern empfangen. Dann schlepp ich mich mit so einer Horde an mir hengenden und plappernden Energiebuendeln in die Kueche:Zuckersuesser Milchpulverkakao, Bananen oder Papaya! Schluerf-Sabber-Schmatz-Genussgerausche vermischt mit einer guten Portion Gequitsche und schreiender Haudegen! Danach heisst es Kinder sortieren und das war anfangs ziemlich schwierig, denn zwischen den sechs und 16-Jaehrigen ist zwar ein Unterschied, aber ein ziemlich minimaler, da konnt ich mich schon um ganze sieben Jahre irren. Ich dachte, ich muesse fuer die Aelteren andere Beschaeftigungen suchen, doch ich irrte. Da scheint fast kein Unterschied zu sein, was das Verhalten und das Interesse angeht.

Ist meine Gruppe von 8-12 Kindern dann irgendwann in meinem Raum, dann heisst es schleunigst absperren, sonst laufen sie dir wie Schokolade in der Sonne in alle Himmelsrichtungen davon! Anfangs dachte ich das sei ja eine ganz nette kleine Truppe, doch diese niedliche Truppe kann sich in sekundenschnelle in riessiege Ungeheuer verwandeln, die es dann gilt irgendwie zu baendigen. Und Konzentration ist hier die supergrosse Huerde! Saemtliche Plaene wirfst du hier schnell ueber Bord, entweder scheiterts an den Materialien(ich hab schon aufgegeben auf meine versprochenen Jonglierbaelle zu warten), an den seltsamen Regeln der Organisatoren(so durfte ich anfangs nicht ein recht grosses Energiebuendel (hier wird von Hyperaktivitaet gesprochen) beruhigen, denn ich hab ja keine Psychotherapieausbildung!)oder es scheitert an den wusselligen Kindern! Aber diese flitzigen und zappelnden Kinder konnten mich auch schon richtig heftig inspirieren!

Also was ich da nun so mach: Balancieren, Konzentrations- und Wahrnehmungsuebungen (entdeckt hab ich die geschlossenen Augen, denn dann ist endlich mal Ruhe!Juhuuu!),Erdkunde verbunden mit traditioneller Kindermusik aus verschiedenen Laendern (begonnen hab ich mit der Suche nach Brasilien auf einer Weltkarte!), Deutsch und Englisch, Massage,Jonglage und wieder Musik!!!Denn das scheint Wunder zu wirken, so konnt ich schon ganze 15 Minuten ein hier recht bekanntes aufgedrehtes Kind baendigen!

Jo, wieso diese Kinder so aufgedreht frech und ungeheuerlich sind, erklaert sich vielleicht unteranderem durch die mangelnde Aufmerksamkeit der Eltern. So wird hier ein Junge stundenlang einfach in ein fensterloses Zimmer eingesperrt wenn die Eltern keine Zeit oder Lust haben aufzupassen. Das war nur ein Beispiel wie unterschiedlich hier die ``Erziehung`` ablaeuft, aber diese hat mich richtig gekribbelt.

Diese Stuhlwerf-, Hau-, Kreisch-, Schrei- und Bruellaktionen vollziehen sich dann so von 8:00 Uhr morgens bis um 15:30 Uhr. Andererseits muss ich auch hinzufuegen, dass es manchmal geniale Gluecksminuten gibt, wenn die Kinder z.B. wissbegierig wissen wollen, wieso es in Deutschland Schnee gibt, wann wir endlich mal wieder das ``Schalom-Lied`` singen oder wenn ich die Balanciererfolge beobachten kann und natuerlich wenn sie selber erkennen, dass sie ein bisschen mehr ``silencio`` brauchen, wenn sie Konzentrationsuebungen machen. Dann schmunzele ich in mich hinein und hoffe, dass ich ihnen ein klein bisschen was zeigen konnte. Doch ich glaub beinah, dass ich an diesen Phantasiequellen-Kinder mehr anzapfe als sie an mir.

Jo, dann gibts auch noch Mittagspause, die nun aber oft mit ``Reuniao`` zusammenfaellt. In diesen Versammlungen wird z.B. ueber Hyperaktivitaet diskutiert, aber mir scheint, dass es hier oft nur ums Diskutieren geht, denn Loesungen werden gar nicht gesucht. Es wird hier einfach viel geplappert; Wichtig ist nur, dass die ``Reuniao``stattfindet. Manchmal hab ich auch das Gefuehl, dass hier ein Kommunikationsproblem (aber nicht wegen der Sprache!!!)wie ein Schleier ueber der ganzen Organisation liegt, denn wenn man dann mit der Haupverantwortlichen spricht, bekommt man ploetztlich Papier, Stifte und Kleber, was zuvor als nicht vorhanden deklariert wurde.

Ich muss schon sagen, dass die Kinder mir mit dem Portugiesisch am meisten helfen und ich von ihnen auch schon die meisten Woerter gelernt habe, denn so mancher Erwachsener haelt mich hier oft fuer etwas unterbelichtet nur weil ich recht holperig meine portugiesische Zunge bewegen kann.

Jo, dann gibt es auch noch das Patenprojekt, das mich leider oft an die grauen Kaesten fesselt um den Briefkontakt zwischen den deutschen Paten und den Kindern hier im Casa Legal zu organisieren. Aufregender find ich dafuer die Interviews, die ich mit den Patenkindern erstell. Dabei erfahr noch mehr ueber das verrueckte Leben der Brasilianer!

Ein ungeheuerlicher Rambazamba-Krach-Schokoladenbeijo von Veronika