
Hola ihr Schneehasen!
Serra; Sonntagabend; 19:30 Uhr: Ich öffne voller Hoffnung einen rießengroßen Kühlschrank; doch wieder nur Reis & Bohnen, Bohnen & Reis, Fleisch, wieder Reis & Bohnen; dann entdeck ich noch eine salzige Knoblauchpaste und das hellste Weißbrot. Kühlschrank zu. In meinem Bauch drehen sich die Hungerkarusselle bis ich den Kühlschrank wieder öffne in der Hoffnung ich könnte ja was übersehen haben. Oh ja, da spitzelt noch was ganz seltenes hervor: zuckersüßer Cajusaft (Keshewfruchtsaft)! Kühlschrank zu und los geht´s: Reis mit Knoblauchpaste und Zuckersirupsaft!
Während ich versuche zu genießen, lausch ich den hier allgegenwärtigen Geräuschen: Werbeslogans in sich überschlagender Lautstärke(zum Glück sind die Boxen auf Autos oder Fahrrädern befestigt, denn diese Fahrgeräte bewegen sich davon, in alle Strassen, um auch wirklich allen Schwerhörigen klar zumachen, dass sie was verpassen, wenn sie sich nicht den neuesten Flachbildschirm für hier fast unerschwingliche Preise zulegen). Allmählich versiegt der Werbeslogan und wird von den Bar- und Straßenradios verschluckt, die Vollzeit von sechs Uhr in der Frühe bis 23:59 Uhr durcharbeiten und selbstverständlich mit maximaler Lautstärke, sodass ich zu der Vermutung gelang, dass hier in Brasilien an den Volumenreduzierungsrädchen eingespart wird.
Pferdehufegeklapper, ein krähender Hahn(nachts!), quietschende Autoreifen, pfeifende Solo-Jungs, Forró-Musik, ein paar Samba-Rhythmen, der ewig surrende Ventilator und dann plötzlich ein neues Mikrophongewimmsel. Ich versuche irgendetwas zu verstehen, aber vergeblich bei diesem Jammergesang. Zunaechst denk ich mir nichts dabei, doch nach einer Stunde intensiviert sich die Jammerstimme und ein zweiter Mikrophongeist gelangt in meine sowieso schon überarbeiteten Ohren. Es hört sich an als würden die beiden Mikrophonbenutzer einen heftigen Ehekrach zelebrieren. Ich hab wirklich geglaubt, dass es da irgendwo ein grosses Problem gibt, vielleicht ein Nachbarschaftsstreit, der jetzt öffentlich hinaus geschrien wird.
Irgendwann um 23:33 Uhr, nachdem die Stimmen Loopings geschlagen haben und ein Salbeihalswehbonon vertragen könnten, fahr ich plötzlich aus meinem Bett und verfang mich im Moskitonetz. Denn mit einem Knall quasi Stille!!; nachdem sich das Jammergeschrei bis zur Ekstase gesteigert hat.
Am nächsten Tag erfahr ich, dass neben unserem Haus eine Baptisten-Kirche(ich will sagen sektenartige Gejammerversammlung)steht; und keiner beschwert sich über den Lärm! Dann wird dem zweijährigen Kind einfach vor dem Schlafengehen ein zuckersüßer Kaffee eingeflößt und dann schläft es schon!!!!
Überhaupt scheint hier jedes zweite Haus, Hauschen oder Hundehuette eine Kirche darzustellen. Nicht nur Sonntagabend auch unter der Woche versammeln sich dort Heul-Jammer-Schluchz- Chöre. Ich will nicht alle in eine Schublade verbannen, doch die Gotteshäuser, die ich bisher beobachten konnte, kamen mir reichlich schleier- und sektenhaft vor. Ich hab hier erfahren, dass einfach jeder, der vielleicht ein bisschen Geld hat, eine ``Kirche`` eröffnen kann. So kann auch jeder Kircheninhaber seine Regeln aufstellen und in Nova Esperança (Casa Legal) dürfen z.B. die Mädels einer bestimmten Kirche nur Röcke und ellenbogenlange T-Shirts tragen. Der Inhalt der Predigten ist für mich akustisch völlig unverständlich, aber eins hab ich wohl verstanden: ``100% Deus``,``Gott liebt Dich`` oder ``Ich liebe Gott`` muss mindestens einmal auf deinem Auto prangern; wenn du keins besitzt, dann sorg dafür, dass deine T-Shirts deine Liebe zu Gott demonstrieren!
Sei es im Casa Legal Kindergeschrei, im Bus klappernde Blechteile, die ewigen Straßenverkäuferpropagandarufe (``aaaaguaaaa geeeelaaaadaaaa``) oder die am Strand plärrenden und durcheinandergemixten Musikstile aus allen Himmelsrichtungen, dein Ohr kommt nicht zur Ruhe. Du schwimmst hier im nie enden wollenden unendlichen Geräuschemeer.
Aber ab und an schwimm ich auch im genial tragenden Super-Salzmeer. Letzte Woche war ich in Itaunas, einem (ehemaligen) Hippiedorf, das vor Sanddünen und unzählbaren Grüntönen der Palmenlandschaft nur so glänzte. Außer dem ewigen Rauschen des Meeres, den fernen Capoeiratrommelrhythmen, dem Moskitogesummse, dem vibrierenden Enthautungs-Grillengezirpse und dem ewigen Hinterhergepfeife der masculinen Brasilianer genossen wir dort die in Brasilien vorherrschende Mangelware ``Ruhe``.Jo, in Salvador war ich mit zwei männlichen Begleitern, in Itaunas mit zwei hübschen jungen Damen >> das ist vielleicht ein gewaltiger Unterschied. Denn als senhora, minus männlicher Begleitung und plus deutscher Herkunft, da brauchst du dir keine Sorgen machen, dass du länger als 33 Sekunden alleine bist! Nur einmal da erreicht uns das Gefühl der Einsamkeit, da sind Miri und ich wie zwei Piratenprinzessinnen den endloslangen und verlassenen Dünenstrand entlang geflogen und
zwar auf zwei ziemlich holpernden Pferderücken!!!Außer diesen Galopp-Auswirkungen auf den hintersten Teil meines Körpers und einem missglückten Versuch in Guarapari mit den brasilianischen Wellen zu kämpfen, der sich wohl markierend in meinen Rücken geschnitten hat, geht´s mir jetzt so gut wie den deutschen Osterfrühstücksgeniessern!
Schokoladeneibeijo von Oni
P.s.: Ich war soeben mit den elf Jungs aus meinem Haus in einer Ostermesse und ich hab festgestellt, dass es hier auch ganz normale Kirchen gibt! Dies war fuer mich hier aber auch die allererste Kirchenzeremonie, die sich ohne sektenhafte Verschleierungsvermutungen in meinem Kopf abspielte.