Boa noite!
So, ich wage jetzt einmal das Unmoegliche, gehe auf Solokurs und berichte alleine von unseren gemeinsamen Erlebnissen vom Donnerstag, dem 24.August!!!
Nochmal kurz Mut ansammeln und Kraft fuer die sicherlich auf mich zukommende Kritik der anderen und los gehts! ;-)
Am Donnerstag morgen wurden Karin, Matze und Karina gleich mal von den anderen Jugendlichen getrennt, die noch auf die (mal wieder) verspaeteten Erwachsenen unserer Gruppe warten mussten, und von Unbekannten in einem Auto mitgenommen. Nach einer Irrfahrt durch die ihnen immer noch unbekannten Strassen Vitorias fanden sich die drei in einem kleinen, abgelegenen, armen Viertel wieder und wurden wieder in ein Projekt, diesmal der Stiftung Sementes (deutsch: "Samen"), gebracht. Vom Gruppen-Papa und Uebersetzer im Stich gelassen, bekamen sie eine portugiesische Fuehrung durch das Haus und mussten nun selbst versuchen, moeglichst viel der Erklaerungen und Ausfuehrungen zu verstehen und selbst Fragen zu stellen! Wer unsere Berichte ueber z.B. unsere Postaufsuchepisode gelesen hat, kann sich sicherlich gut vorstellen, wie das Ganze abgelaufen ist und wie froh die drei waren, als endlich der Rest der Gruppe eintraf!
Wieder vereint bekamen wir dann alle einen Vortrag ueber Kinderarbeit zu hoeren - der Leiter des Projekts hatte sich richtig Gedanken gemacht und ein paar Leute eingeladen, unter anderem Regierungsvertreter, die uns ueber die Umstaende zu diesem Thema in Brasilien informieren sollten. Wir hatten uns alle sehr auf dieses Gespraech gefreut, da wir uns einig sind, dass es ein sehr wichtiges und grosses Problem ist, ueber das wir gerne mehr erfahren wollten, doch leider wurden wir etwas enttaeuscht!
Uns wurden sehr viele Zahlen und Statistiken praesentiert, die uns allerdings sehr unglaubwuerdig erscheinen und die auch von Praesentation zu Praesentation sehr unterschiedlich waren! Die Vertreter der Regierung versuchten unserer Meinung nach, das Problem klein zu reden und uns davon zu ueberzeugen, dass sie (sprich die Regierung) alles im Griff haben und es bald so gut wie gar keine Kinderarbeit in Brasilien mehr geben wird.
In Espirito Santo leben ungefaehr 600.000 Kinder und Jugendliche bis 17 Jahre und laut Regierungsstatistiken arbeiten ca. 50.000 davon illegal, die meisten als Landarbeiter, Hausangestellte oder eigenstaendige "Verkaeufer".
Laut Verfassung duerfen Jugendliche zwischen 14 und 16 nur in einer Ausbildung (sprich Lehrstelle) arbeiten und Kinder unter 14 Jahren gar nicht. In der Realitaet schaut das allerdings sehr anders aus! Wir haben nun schon so viele Kinder gesehen, die am Strand z.B. Getraenke verkaufen, im Stau zwischen den Autos umhergehen und versuchen, Kekse oder Zeitungen loszuwerden und ein paar Reais zu verdienen, oder aus dem Muell die Dosen raussuchen, um diese zu einem Recycleplatz zu bringen und dafuer einen kleinen Lohn zu bekommen. Kinder, die ganz sicher nicht in einer Lehrstelle arbeiten und von denen die meisten wohl auch noch nicht 16 Jahre alt waren! Die Politiker in unserem Gespraech wollen allerdings auch dafuer schon eine Loesung gefunden haben. Sie sagen, sie haetten Sozialarbeiter, die auf der Strasse beschaeftigt seien und sich um solche Kinder kuemmern wuerden. Dieses "kuemmern" schaut dann so aus, dass diese Streetworker an ihre Chefs weiterleiten, dass sie ein Strasenkind gesehen haben, das illegal arbeitet. Die versuchen dann, die betroffene Familie ausfindig zu machen und einem Gerichtsprozess zu unterziehen, um zu verhindern, dass das Kind weiterhin arbeiten muss. In der Theorie mag sich das ja nett anhoeren, doch ich denke uns ist allen klar, wie unrealistisch dieses Konzept in der Praxis ist!
Eine Forschung der Stiftung Sementes zeigt z.B., dass in dem Viertel, wo das Projekt stationiert ist, 96% der Befragten Kinderarbeit fuer vollkommen in Ordnung halten und das Durchschnittsalter, in dem die Erwachsenen dort zu arbeiten begonnen haben, liegt bei 8,2 Jahren!
Das zeigt doch wohl, dass dieses Problem noch lange nicht geloest ist und es wohl noch eine Menge Arbeit fuer Brasilien, aber auch fuer uns alle, gibt, um eine kinderarbeitfreie Welt zu schaffen!
Den Nachmittag verbrachten wir dann im uns inzwischen schon sehr ans Herz gewachsenen Casa legal! Diesmal war das ganze etwas organisierter und als wir ankamen empfangen uns gleich wieder ein paar suesse, froehliche Kinder, die uns umarmten und begeistert versuchten, sich mit uns zu unterhalten!
Nach dieser stuermischen Begruesung suchte Fatima unsere Patenkinder, damit wir uns ein bisschen mit ihnen unterhalten konnten! Inzwischen haben naemlich fast alle in unserer Gruppe ein Patenkind im Casa legal, manche schon laenger, andere erst seit dem "festa da cultura". Die einzige, die sich noch nicht dazu durchringen konnte, bin ich (Karina), da ich es einfach nicht uebers Herz gebracht habe, mir aus den vielen suessen Kindern nur eines auszuwaehlen...ich werde aber auch die monatliche Unterstuetzung ans Casa legal zahlen!
Die kleinen auserwaehlten Patenkinder waren total gluecklich und stolz, dass sie eine Patentante bzw. einen Patenonkel in Deutschland haben und liessen diese gar nicht mehr los! Im Gespraech erfuhren wir viel ueber ihre Hobbies, ihre Aktivitaeten zu Hause (bei den meisten Fern sehen) und im Casa legal (Capoeira, Theater, Basteln, malen...), aber auch ueber ihre Familiensituation (nur zwei der 7 Kinder leben mit beiden Eltern zusammen, viele kennen ihre Vaeter ueberhaupt nicht). Sie waren zwar etwas eingeschuechtert, aber total offen, nett und freundlich!
Anschliesend durften wir dann noch die Haeuser der Patenkinder besuchen und deren Familien kennenlernen. Dabei ist uns aufgefallen, dass wir unsere Ansichten bezueglich arm und reich schon stark geaendert haben! Am Anfang unserer Reise waeren wir von den meisten der Haeuser sehr schockiert gewesen und haetten uns nicht vorstellen koennen, wie man unter diesen Umstaenden leben kann! Doch nun, da wir schon viel schlimmere Behausungen erlebt hatten, erschienen uns manche der Haeuser schon fast als exklusiv! Von exklusiv kann allerdings wirlich keine Rede sein! Meistens leben die Familien zu fuenft oder sechst in einer winzigen Wohnung mit nur einem, allerhoechstens zwei Schlafzimmer, einem Bad, einem winzigen Wohnzimmer und einer noch kleineren Kueche.
Bei Matze's Patenkind war nur die Mutter zu Hause, die einen sehr labilen und psychisch angeschlagenen Eindruck machte! Wie sie uns auch bald erzaehlte, ist ihr Mann Alkoholiker und im Suff sehr brutal. Er schlaegt sie und ihre Kinder; sie berichtete, dass sie einmal Geld gespart hatte, um ihrer Tochter ein Handy kaufen zu koennen, doch er habe dieses Geld dann selbst ausgegeben und vor lauter Zorn den Vorhang im Zimmer ihrer Tochter angezuendet und das Fenster dort eingeschlagen...wir selbst haben das zerbrochene Fenster gesehen! Die zehnjaehrige Ranielle und ihr kleiner Bruder sind daher nicht sehr oft zu Hause, oft schlafen sie bei ihrer Oma. "Manchmal habe ich auch gar keine Lust sie zu sehen, aber dann vermisse ich sie schon oefter", so die an Panikattacken und Angstanfaellen leidende Mutter, die sehr zurueckgezogen in ihrem winzigen Haeuschen lebt.
Bei Karin's Patenkind, einem achtjaehrigen, schuechternen Jungen, dessen Namen mir leider gerade entfallen ist (die Namen hier sind aber auch nicht leicht zu merken!) trafen wir die Eltern erst gar nicht an, sondern nur ein junges Maedchen, dass sich um den Haushalt und die drei kleinen Kinder kuemmert. Die Eltern des Jungen arbeiten beide den ganzen Tag in der Stadt und wir wissen nicht, wie oft er und seine zwei suessen Brueder sie zu sehen bekommen!
Lena's Patenkind ist die juengste, die schuechternste und wohl auch die aermste unter den von uns angenommenen Kindern. Sie lebt mit ihrer Mutter, ihrem Stiefvater (ihren eigenen Vater kennt sie nicht), ihrer kleinen Schwester und der Familie ihrer Mutter in einem winzigen Haus an einem Abhang. Wir sind nicht hinein gegangen, ihre Mutter war fast genauso verschuechtert wie die Kleine und wir wollten nicht unhoeflich erscheinen, aber das Haus kann wohl nicht viel groesser als ein einziges Zimmer bei uns gewesen sein und es ist mir ein Raetsel, wie sie dort mindestens zu sechst leben koennen!
So haben wir nun schon mehrere Schicksals- und Lebensgeschichten gehoert und es ist uns immer bewusster geworden, wie wichtig das Casa legal in diesem Viertel ist und was fuer eine tolle Arbeit die Leute dort leisten! Egal, ob es um kleine Kinder geht, die dort in den Kindergarten gehen koennen und geistlich und paedagogisch gefoerdert werden; um die 6-16 Jaehrigen (die wir in Odelzhausen mit den Patenschaften unterstuetzen), die tolle Workshopangebote und Freizeitbeschaeftigungen geboten bekommen und daher nicht mehr den ganzen Tag nur auf der Strasse herumhaengen und auf bloede Gedanken kommen koennen; oder die aelteren Jugendlichen, die jetzt auch dort eine Ausbildung machen koennen, um bessere Chancen auf einen Beruf zu erhalten, das Casa legal bietet fuer jeden etwas!!! Und hier moechte ich auch noch einmal ein Lob an Sabine und Patrick aussprechen, die in ihrer Zeit hier wirklich viel geleistet haben und die alle noch in sehr schoener Erinnerung haben!
Und das Casa legal waechst und waechst immer noch! Es ist schon ein Neubau in Planung und neue Leute sollen eingestellt werden, damit noch mehr Kinder noch oefter (bis jetzt koennen die 6-16 Jaehrigen nur ein- bis viermal pro Woche kommen) Spass im Casa legal haben koennen und damit auf den rechten Weg geleitet werden koennen!
Wir sind jedenfalls total begeistert von diesem Projekt (nos amamos Casa legal!!!) und hoffen, dass sich in Deutschland noch viele Paten finden werden, damit es auch weiterhin am Leben erhalten und noch ausgebaut werden kann!
Den Abend liesen wir dann bei einem Churrasco (einer Grillfeier) mit den Mitgliedern unserer Partnergemeinde mit einem kleinen Vortrag ueber unsere Arbeit in Deutschland, einem Gespraech ueber unseren Aufenthalt hier und Forro (der Volkstanz hier) ausklingen!
Ganz liebe Gruesse, vor allem auch an die Paten in Deutschland,
Karina